Presseerklärung vom ICRSE

ICRSE LogoPresseerklärung vom Internationalen Komittee für die Rechte von Sexarbeiter_innen in Europa (ICRSE):

Von der Türkei bis nach Schweden, die jüngsten Morde und gewaltsame Angriffe auf SexarbeiterInnen waren der ausschlaggebende Funke für eine beispiellose Welle der internationalen Aktion, die nach ein Ende der Stigmatisierung und Kriminalisierung ruft.

Letzte Woche, binnen 2 Tagen, erfuhren Mitglieder des Internationalen Ausschusses für die Rechte von SexarbeiterInnen (ICRSE) von den gewalttätigen Morden an zwei Frauen. Am Dienstag wurde Dora, eine Frau und transsexuelle Sexarbeiterin in Kusadasi, Aydin in der Türkei von einem Kunden erstochen. Am Donnerstag wurde Jasmin, eine Mutter von zwei Kindern und Sexarbeiterin, ebenfalls erstochen – von ihrem Ex-Ehemann.

ICRSE und alle seine Mitglieder sprachen ihr Beileid an alle Familienmitglieder, Freunde und Kollegen von Dora und Jasmine aus. Aber die Traurigkeit und der Schmerz, welche solche Morde provozieren, schüren auch Wut und Empörung bei den Aktivisten darüber, dass die weltweiten Systeme dabei versagt haben, die SexarbeiterInnen vor Diskriminierung, Gewalt und Mord zu schützen.

Diese beiden tragischen Tode sollten ein Weckruf sein für uns alle: Menschrechtskämpfer, Feministinnen, LGBT-Aktivisten, Politiker und jeden, der gegen eine Welt kämpft, in der sich Menschen – die auf Grund dessen, das sie sexuelle Dienstleistungen anbieten – menschliche Würde und Respekt nicht erlangen und daher vom Staat eher als unfähige Mütter gesehen werden, oder die Opfer der brutalen und abscheulichen Verbrechen werden.

1.Red Umbrella Sexual Health and Human Rights Association, eine ICRSE Mitgliedsorganisation in der Türkei, schrieb: “Gewalt gegen transsexuelle Sexarbeiterinnen in den verschiedensten Formen ist eine gängige und weit verbreitete Realität in der Türkei. Die insgesamt gemeldeten Vorfälle von Morden an transsexuellen Sexarbeiterinnen betrugen 31 Tote zwischen 2008 bis 2012 in der Türkei, welches die höchste Zahl in den Staaten von Europa darstellt. Ein weiterer Fall, welchen wir in dieser Woche erlebt haben, war der gewaltsamen Angriff gegen eine weitere transsexuelle Sexarbeiterin aus Ankara – Ela – der von einem Kunden mit einer Pistole in den Arm geschossen wurde, sehr wahrscheinlich wird sie den Arm nie wieder richtig benutzen können. Die türkische Regierung muss alle notwendigen Schritte einleiten, um transsexuelle SexarbeiterInnen vor Gewalt zu schützen. “

2. Rose Alliance, ein ICRSE Mitglied und die Sexarbeiterin Organisation, in der Jasmin im Vorstand war: “Unser Vorstandsmitglied, starke Aktivistin und Freundin Petite Jasmine wurde gestern brutal ermordet (11. Juli 2013). Vor einigen Jahren verlor sie das Sorgerecht für ihre Kinder, weil sie als ungeeignetes Elternteil galt, dadurch das sie eine Sexarbeiterin war. Die Kinder wurden ihrem Vater zugesprochen, unabhängig davon, das er Jasmine bereits misshandelte. Sie sagten ihr, sie wüsste nicht, was gut für sie sei und dass sie Prostitution “romantisiert”. Sagten ihr fehlte Einsicht und sie wüsste nicht, dass Sexarbeit eine Form der Selbstverletzung darstellt. Er bedrohte Jasmine und stellte ihr bei zahlreichen Gelegenheiten nach, ihr wurde nie irgendein Schutz angeboten. Sie kämpfte gegen das System in vier Gerichtsverhandlungen und hatte schließlich das Recht bekommen, ihre Kinder wieder zu sehen. Gestern hat der Ex-Ehemann Jasmine umgebracht. Sie sagte immer, “Auch wenn ich meine Kinder nicht wieder bekomme, werde ich sicherstellen, dass dies nie wieder einer anderen Sexarbeiterin passiert “. Wir werden auch weiterhin ihren Kampf fortführen. Gerechtigkeit für Jasmine!”

Schweden, mit seinem Ruf der Gleichstellung der Geschlechter, transparente Regierung und der Achtung von Minderheiten, ist auch bekannt für die Einführung eines Gesetzes von 1999, welches die Kunden von Prostituierten kriminalisiert. In der Behauptung, das aller Sexarbeiterinnen Opfer sind und alle Kunden Missbrauchstäter, verbietet die schwedische Regierung jegliche Möglichkeiten, das Frauen sexuelle Dienste verkaufen können. Dieser paternalistische Ansatz, welcher ebenso aggressiv anderen Ländern als “Schutz von Frauen” dargeboten wird, führt in der Wirklichkeit zu einer Haltung, die Frauen bevormundet und diskreditiert in ihren Entscheidungen und Erfahrungen, und er hat die Verletzung der Menschenrechte von Frauen gefördert. Sexarbeiterinnen werden als nicht geeignetes Elternteil angesehen, ihnen wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, und Wohngeld gestrichen. Sie werden missachtet als Opfer von Gewalt, die in einem falschen Bewusstsein leben, eine Beurteilung, die ihre Entscheidungsfähigkeit und ihre eigenen Erfahrungsberichte verleugnet.

Der schwedische Staat und seine sogenannten Sozialarbeiter bevorzugen, das Sorgerecht für zwei Kinder, einem Mann zu geben, der für seine gewalttätigen und missbräuchlichen Tendenzen bekannt ist, statt ihrer Mutter, weil sie eine Prostituierte war und laut ihnen, nicht wisse, was gut für sie oder ihre eigenen Kinder.

Trotz Jasmines Warnungen, dass der Mann gewalttätig war, musste sie durch vier Gerichtsverfahren gehen. In ihren letzten Jahren sah sie die Kinder kaum, da ihr Ex-Mann ihr den Umgang mit ihnen trotz des gemeinsamen Sorgerechts verweigerte. Als sie sich schließlich im Juli mit ihrem Sohn traf, stach ihr Vater sie tot. Selbst in ihrem letzten Moment funktionierte ihr Mutterinstinkt denn als ihr auffiel, dass ihr Mann im Begriff war aggressiv zu werden, sorgte Jasmine dafür, dass ihr Sohn außer Sichtweite kommt.

Die Geschichte von Dora, einer transsexuellen Sexarbeiterinnen in der Türkei, hat eine andere Ausgangssituation, wenn auch merklich noch mit dieser Stigmatisierung verbunden und Diskriminierung eine große Rolle spielte in der Straflosigkeit, mit denen sie von ihren Angreifer ermorden wurde. Mehr konservativer als Schweden und mit einer merklich schlechteren Bilanz im Bereich der Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter und die Achtung von Minderheiten, hat die Türkei ebenfalls darin versagt, Prostituierte vor Gewalt zu schützen. Obwohl Prostitution in der Türkei nicht illegal ist, solange dies in Bordellen geschieht (eins nach dem anderen wird von der Regierung geschlossen, um die öffentliche Moral zu erfüllen, und somit auch in Kauf genommen, dass mehr Frauen gezwungen sind auf der unsicheren Straße zu arbeiten), ist das Stigma, dem transsexuellen Frauen ausgesetzt sind, so hoch, dass nur sehr wenige eine andere Möglichkeiten sehen, als ihren Lebensunterhalt durch Sexarbeit zu bestreiten.

Kemal Ordek, Vorsitzender der Red Umbrella Sexual Health and Human Rights Association sagte: “Die Diskriminierung von transsexuellen Frauen in den Bereichen Bildung und Beschäftigung ist weit verbreitet. Viele transsexuelle Frauen enden in der Sexarbeit unter riskanten Bedingungen. Sexarbeit ist in der Türkei in einer Weise reguliert, die den Weg dafür bereitet, nicht registrierte Sexarbeiterinnen zu kriminalisieren – auch wenn die Gesetze das so nicht erfordern – so geht jeder Schritt, der in Bezug auf Sexarbeit unternommen wird, in die Richtung, dass es im türkischen Strafgesetzbuches unter Strafe gestellt wird.”

“Die Polizei ist in der Regel einer der Gewalttäter, drängt Sexarbeiterinnen in weit aus riskantere Bedingungen, wo sie noch anfälliger für Gewalt von Leuten sind, die sich als Kunden oder Banden ausgeben.”

Die 31 gemeldeten Morde an transsexuellen Frauen in der Türkei in den letzten fünf Jahren liegt wahrscheinlich weit niedriger als die tatsächlichen Zahlen.

Und so geschah es, dass in beiden Ländern mit völlig unterschiedlichen Ansätzen zu Sexarbeit, Gleichstellung der Geschlechter und transsexuelle Anerkennung, nur zwei Tage dazwischen lagen, an welchen zwei Prostituierte erstochen wurden. Keiner dieser Ansätze erkennt an, dass die Stigmatisierung von Sexarbeit und Diskriminierung von SexarbeiterInnen zu Gewalt und Missbrauch führt, und anstatt das Stigma zu ignorieren und am Leben zu erhalten, müssen Staaten mit Sexarbeiterinnen zusammen arbeiten, um dem Randgruppen-Status von Sexarbeiterinnen entgegen zu treten.

Gesellschaften und Regierungen, in Europa und weltweit, müssen sich fragen, was sie falsch machen und was sie ändern können, dass die Stigmatisierung und Gewalt gegen SexarbeiterInnen endlich endet.

In den Worten von Jasmine Mutter: “Meine großartige Tochter, sie haben dir soviel Unheil angetan – sie stahlen dich deinen Kindern, stahlen dich mir. Ich werde tun, was ich kann, um deinen Kampf weiter zu kämpfen. Und ich verspreche, dass ich alles tun werde, um deine Kinder zu sehen, meine Enkel sicher bei mir weiß. Ich weiß, wer das Messer hielt, aber sie könnten es ihm genauso gut in seine Hände gelegt haben! Meine Liebe – du wirst leben für immer in unseren Herzen und Seelen – und wir werden für dich eine Kerze am leuchten halten.”

Als Antwort auf diese Morde und ständige Gewalt und in Erinnerung an Jasmin und Dora sind SexarbeiterInnen und Verbündete auf der ganzen Welt mobilisiert, um massenweise einen spontanen internationalen Aktionstag und Gedenkstätten zu schaffen. In London, Edinburgh, Glasgow, Brighton, Berlin, Vancouver, Helsinki, Canberra, und Västerås in Schweden – insgesamt 24 Städten auf drei Kontinenten bislang – werden sich SexarbeiterInnen außerhalb der Botschaften und Konsulate der schwedischen und türkischen Regierungen sammeln, oder in Parks oder öffentlichen Plätzen gegen das protestieren, was sozusagen als staatlich geduldete Morde von Jasmine, Dora, und so vielen anderen bezeichnet werden kann. Was genug Sexarbeiterinnen erlitten haben oder aufgrund von Stigmatisierung und Kriminalisierung verstarben. Wir fordern Veränderung!

Schäm dich, Türkei! Schäm dich, Schweden!
Gewalt gegen Sexarbeiter muss aufhören!

CONTACT: Luca Stevenson, ICRSE Coordinator
info@sexworkeurope.org / +44 7821 540 004

2 thoughts on “Presseerklärung vom ICRSE

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